Ohai S(h)elfies – Irgendwas mit „Intellektualität“ und Abgrenzung

Gestern erschien in der Vice ein Text über Selfies vor dem Holocaustmahnmal. Ich habe ihn nicht gelesen.
Heute waren da Menschen auf Twitter, die ihre Bücherregale fotografierten, statt sich selber, oder wie @milenskaya schrieb:

Und dann waren da Menschen, die sich darüber aufregten. Und wie immer streiten ganz schnell alle und in meinem Kopf war nur Verwirrung und irgendwas ärgert mich.

Ich versuche das hier zu sortieren und zu greifen, mein erster Gedanke dazu war:

Ironischerweise habe ich mal einen Blogtext begonnen und bis heute nicht fertiggestellt, über die Frage, was Bücherregale über ihre Besitzer_innen verraten. Oder eben nicht.

Aber die Verknüpfung Bücherregale = intellektuell.
Und überhaupt. All die Dinge in meinem Kopf.
Intellektuell = gut?
Intellektuell = böse?

Was soll das?
Ich lese, seit ich lesen kann. Immer ständig und alles.
Das hat mich nicht intellektuell gemacht. Das hat mir geholfen beschissenen Situationen zu entfliehen, das hat mir geholfen, mich von Unruhe und lauten, anstrengenden Momenten abzugrenzen. Das hat mir geholfen sozialer Interaktion aus dem Weg zu gehen. Und es hat mir bunte, schöne, aufregende, traurige und manchmal auch ziemlich platte, flache, klischeebeladene Welten eröffnet.
Als ich klein war und lesen konnte, besaß meine Oma einen Barschrank, der von oben bis unten gefüllt war mit lustigen Taschenbüchern. Später kaufte sie mir jede Woche das Micky Maus Magazin.
(Heute kauft sie es wieder. Oder lässt es kaufen, weil sie es selber kaum aus dem Haus schafft. Damit mein Kind den selben Spaß daran hat)
Jahrelang hat meine Familie mein „Bücherfressen“ gleichzeitig belächelt und unterstützt. Mit Pferdebüchern. Mit der „Mädchen“-Reihe unter den Schneiderbüchern. Später mit Thrillern und Liebesromanen.
So
fucking
intellectual.
Ich habe mich intellektuell gefühlt, wenn ich den Kölner Stadtanzeiger gelesen habe, statt den Express.

Viel später habe ich angefangen das zu lesen, was wohl Literatur heißt. Und alles aufgesogen. Mit Sachbüchern tue ich mich bis heute schwer, wisschenschaftliche Texte (jaja, sowas kann ich auch.) besitze ich zumeist als PDFs . Den allergrößten Teil meines wirklich breiten Allgemeinwissens habe ich aus mittelprächtigen Romanen und dem Internet.
Mein Computer ist 100mal „intellektueller“ als meine Bücherregale es jemals sein werden.
Meine Bücher machen mich zu einem Menschen, dier Bücher liebt. Meine Bücher machen mich glücklich und traurig und stehlen mir Zeit und schenken mir Geschichten und Gefühle und Anstöße über Dinge nachzudenken.
Meine Bücher machen mich nicht intellektuell.

Ich rege mich auf, wenn Menschen Intellektualität als „Gedöns“ abtun, und nur was für die da oben im Elfenbeinturm. Diese Haltung hat mich so viel gekostet, mich um so viel gebracht.
Aber genauso regt es mich auf, wenn Intellektualität über andere erheben soll. Wenn sie doch im Elfenbeinturm sitzt.
Ich rege mich immer und jedes mal auf, wenn „wir“ besser sind als „die“. Auch wenn keine das so explizit sagt.

Ich lese, weil lesen mir sehr viel gibt. Aber ich bin nicht besser als die Menschen, die nicht lesen.

And I make selfies if i want to.
Foto am 21.11.13 um 10.32

(Und nur noch mal zur Sicherheit: Das ist nicht gegen irgendwelche Menschen, die irgendwelche Dinge twittern. Das sind die Gedanken, die mir zu diesen Tweets kamen. Ich verlinke später auch noch Dinge. Aber erst mal musste das raus.)

Advertisements

Fragmente (II)

Ein flügellahmer Vogel.
eingesperrt in mir
Zeit tickt tickt tickt
zu langsam zu schnell zu gleich zugleich
Zeit verrinnt. versickert.

Mein Stift macht sich selbstständig
Buchstaben fließen heraus
Meine Gedanken ein Knäuel
aus roten Fäden
Ich suche eine Häkelnadel

(irgendwann 2009)

/////

„Was denn?“ Was denn! Gänsehaut, von Kopf bis Fuß, angenehm. Keine Abwehr, nur du, ich, keine Grenze. Lächeln.
Ganz kurz, Moment vorbei. Was denn? „Nichts, alles gut. Schön dass du hier bist.“

/////

Fragmente (I)

…und dann das: eine zerzauste Schönheit in einer viel zu großen, löchrigen Strickjacke. Sie rieb die Augen, mit der Faust, unbewusst, wieder und wieder, wie ein übermüdetes Kleinkind.

 

//////

Sie blickte auf die Zigarette in ihrer Hand. Schmal schmiegte sie sich zwischen die Finger. Die Finger waren nicht so schmal, wie sie gerne behauptet hätte, nicht so gerade. Die Finger hatten nie ihrem Selbstbild entsprochen, ihre Hände blieben ihr immer ein wenig fremd. Fremd war auch diese Zigarette. Wie lange hatte sie nicht geraucht? Es war egal. Hier war alles egal, sie fühlte sich fast ein wenig rebellisch dabei, und furchtbar lächerlich. Was für einen Eindruck musste sie machen, alleine auf der viel zu schmalen Vortreppe. Diese Vortreppe musste dringend erneuert werden, breiter und weniger wackelig. Sie sah vor sich, wie sie aussehen könnte, und schon im nächsten Moment gefiel es ihr nicht mehr, weil es Erinnerungen verfälschte. „Blöde Kuh.“ schalt sie sich, und erschrak, als sie ihre Stimme hörte. Nicht laut, nein. Soweit war es dann doch nicht gekommen, aber sie hatte gesprochen, gezischt. Die Zigarette also. Sie wollte angezündet werden, und inhaliert.