Vom Wiegen und Körperwaagen. Ein #waagnis

Alles fing damit an, dass eine Waage kaputt ging und endet mit einem Aufruf zu einer Revolution.

Inhaltswarnung: In diesem Text werden Körperbilder und fat shaming thematisiert.

 

Vor etwa 3 Jahren waren die Batterien meiner Waage leer.
Ich habe sie nicht gleich erneuert.
Als ich mich irgendwann dazu aufraffte, war es anscheinend zu spät, die Waage ließ sich nicht mehr in Betrieb nehmen. Kaputt.

Die Waage war schon alt als ich sie bekam. Die Vorbesitzerin hatte eine schicke, neue, und da ich gerade umzog, fragte sie mich, ob ich die nicht gebrauchen könne, bevor sie sie wegschmeiße.
Ach, hätte sie sie doch weggeschmissen oder ausgesetzt.

Als Maike twitterte, dass auch Ihre Waage den Geist aufgegeben hat, wurde mir bewusst, dass die alte, kaputte Waage noch immer in meinem Badezimmer stand und mich mahnte. Und wie viel besser es mir eigentlich geht, seit ich sie nicht mehr benutzen kann. Davon schrieb ich ihr. Und Andere auch.

Denn wenn es mir nicht gut geht, klebt ein nicht allzu kleiner Teil meines Selbstwertes zwischen zwei Zahlen. Und das ist pervers. So pervers, dass ich sie nicht einmal ausschreiben kann, denn ich weiß, dass diese Zahlen total lächerlich sind.

Ich bin schlank, da sollte ich mir keinerlei Illusionen machen. Ich kann solidarisch sein, was fat acceptance betrifft, ich kann intervenieren, wenndDick-sein herabgewürdigt oder als etwas ganz schlimmes dargestellt wird, aber die Diskriminierung be_trifft mich nicht.

Was mich trifft, ist, dass ich eine Atmosphäre, in der diese Zahlen einen so großen Wert habe, so eingeatmet, in mich aufgesogen und internalisiert habe, dass ich mit dem Kopf, mit meinem Wissen und rationalen Argumenten nicht dagegen ankomme.
Es ist erschreckend, dass ich z.B. dicke Frauen wunderschön finden und fat-empowerment feiern kann und nur wenige Minuten nachdem ich das gesagt habe, diese Stimme in meinem Kopf schimpft und zetert und mich beleidigt, weil mein Bauch beim Zähneputzen gegen das Waschbecken stößt und dabei „Röllchen“ formt.

Ich bin froh, dass meine Waage kaputt ist und ich bin froh, dass ich zu chaotisch bin, mich darum zu kümmern.
In den letzten Jahren konnte ich mich so ein bisschen von diesen beiden Zahlen emanzipieren und sie sind nur noch in meinem Kopf. Da ist keine reale Zahl, die mit diesen komischen Vorstellungen in Vergleich treten muss.
Lange bin ich, immer dann, wenn ich in einem Badezimmer mit funktionierender Waage war, sofort auf diese gestiegen und habe diese Möglichkeit genutzt.
Mittlerweile habe ich auch damit aufgehört.

Aber ich bin mir nicht sicher, ob das daran liegt, dass ich das loslassen kann, oder daran, dass ich Angst davor habe, was diese echte, reale Zahl wieder mit mir anrichten könnte.
Es gibt keinen Grund, sich von Zahlen abhängig zu machen. Sie sagen rein gar nichts über mich aus. Nicht, welche Kleidung (zu) mir passt, nicht welche Dinge ich esse, oder eben nicht, nicht, wie ich mich fühle, nicht was ich kann, will, bin.
Selbst der immer wieder gemachte Zusammenhang zwischen Gewicht und Gesundheit ist… verkürzt.
Ich kenne dicke Menschen, die rundum gesund sind und hatte selber immer wieder „einschlägige“ Probleme, zu hohe Cholesterinwerte z.B. – nur und immer zu Zeiten in denen ich schlank war. In den letzten Wochen hatte ich vermehrt Probleme mit zu hohem Blutdruck – an meinem Gewicht wird es nicht liegen. Würde ich mich darauf verlassen, dass schlank auch gesund heißt…äh nö.

Ich denke an eine Freundin, die ich als Jugendliche hatte, die immer wieder als „zu dünn“ stigmatisiert wurde, sich oft auch so fühlte, aber selber sagte, wenn ihr Gewicht eine gewisse Zahl (die so unfassbar niedrig lag!) überschritt, würde sie aber auch etwas dagegen tun, das wäre dann schlimm. Damals, wir dürften so 15, 16 gewesen sein, sagte ich noch, wie irritierend und doof ich das fände. Ich erinnere mich, gesagt zu haben, „wenn das doof aussieht, merke ich das doch unabhängig von einer Zahl auf einer Waage“.
Heute würde ich das so nicht mehr sagen, von wegen doof aussehen und wer bestimmt, was doof aussieht und so weiter.

Aber wer bestimmt was doof aussieht?
Wer bestimmt, was wir schön finden? 
Natürlich werden wir von medialen Bildern unerreichbar gleich s“chön“ aussehender Frauen* überschwemmt, aber in meinem Umfeld ist das den Meisten sehr klar. Viel tiefgreifender beeinflusst werden wir, wurde ganz sicher ich, von klein auf von Menschen, die es gut mit mir meinen, denen wir trauen.
Meine Mutter, aber auch andere weibliche Verwandte oder Freundinnen waren selten zufrieden mit ihren Körpern und sprachen selbstverständlich in meiner Gegenwart darüber, was sie dagegen tun. Gegen das Gewicht, natürlich.
Ich erinnere mich, mit meiner Mutter gemeinsam eine Diät gemacht zu haben, als ich noch im Teenager-Alter (und verdammt noch mal schlanker als jemals danach!) war.
Zum Glück habe ich Inspiration für ein Verdammt leckeres Essen mit Äpfeln und Kiwis mitgenommen. Aber genau diese Haltung, in der Diäten und Kilos zu verlieren eine normale Beschäftigung von Eltern und Kindern (und Müttern und Töchtern im Speziellen) sind, macht die Beschäftigung mit Kilos und Zahlen und Gewicht so essentiell wichtiger als das Gefühl, das zu tun, was mein Körper von mir verlangt.
Mate habe ich kennengelernt, weil eine Freundin meiner Mutter häufig welche im hause hatte: sie macht ja nicht nur wach, sondern unterdrückt das Hungergefühl.
Dass ich nach einem leckeren aber sehr mächtigen Essen sage, dass ich ewig weiteressen könnte, aber wirklich aufhören muss „Jaja, ich weiß wie das ist, wenn man dick ist“.
Dass die Tatsache, dass ich abgenommen habe, von wirklich Jeder und Jedem Kommentiert wurde. Dabei war es für mich und mein Aussehen eine so viel radikalere Entscheidung, meine langen Haare abzuschneiden. Das wurde natürlich auch kommentiert, aber nicht in dieser Vehemenz und nicht mit dieser seltsamen Mischung aus Lob, Aufwertung und Sorge.

Niemand sagt mir ich solle bei Frisur- oder Kleiderwahl „aufpassen“. Bei schwankendem Gewicht höre ich das sehr häufig.

Meine Mutter hat noch in den letzten Jahren mehrfach versucht mich zu überreden, etwas anderes anzuziehen, z.B. weil die Möglichkeit bestünde, dass man einen Teil meines Bauches sehen könnte, wenn mein Oberteil irgendwie verrutscht. Was es normalerweise nicht tut, aber es könnte ja. Die Krönung war „wenn du dich so lächerlich machen willst, musst du das selber wissen, aber schön ist das nicht“
Auch sonst kommentiert sie immer wieder, dass ich offensichtlich nicht die angemessene Figur für meine Kleidung haben könnte. Immer ganz freundlich verpackt mit einem „nicht so schön“
Und das schlimme ist ja, dass es wirklich genau so gemeint ist: beschützend. Ich könnte mich ja lächerlich machen.

Ich möchte meinen Körper auch mögen, wenn er 5 oder 10 Kilo mehr wiegt. Ich möchte meinen Körper auch mögen dürfen, wenn es 20 sind. Ich möchte ihn auch mögen dürfen, wenn es noch mehr sind, aber bis etwa 20 habe ich Erfahrung. Und ich weiß, mit welcher Angst mich diese Zahl belegt hat. Wie grauenvoll das war, dass Menschen diese Zahl geschätzt oder ausgesprochen haben. 
Wie grässlich ich mich gefühlt habe. Ich finde nicht, dass ich damals irgendwie schlecht ausgesehen hätte. (und selbst wenn… ) Aber das kann ich heute sagen. Und mich mit momentan geschätzten 15 kg weniger trotzdem unwohl fühlen und das auf eine Art, die mich erschreckt und mir manchmal Angst macht, weil sie dem, was ich denke, so gravierend widerspricht.

Während ich an diesem Text schrieb, fragte eine Freundin mich, ob ich nicht mit ihr ins Schwimmbad gehen möchte. Und während. ich. an. diesem. Text schrieb, merke ich wie grässlich mir der Gedanke gerade ist, meinen Körper in Badekleidung zu zeigen. Wie grässlich mir schon das Gefühl ist, wenn eine gemochte Hose nicht richtig passt.

Und das alles ohne Waage.
Es reicht, dass ich in solchen Momenten mein Gewicht schätze und überlege, wie das wohl gerade so aussieht und wo ich hin möchte. Es schwarz auf weiß zu sehen würde mich nur wieder zwingen mich dazu zu verhalten.
Seit wir die Idee hatten, unsere Waagen auszusetzen, ist es sogar stärker als vorher, plötzlich denke ich häufiger darüber nach und merke, dass mein Kopf alleine nicht ausreicht, um diese ganzen internalisierten Zwänge auszuschalten.

Ich möchte das nicht mehr. Es hat mir sehr geholfen, mein Wohlbefinden nicht mehr vom Gewicht, das von der Waage angezeigt wird, abhängig zu machen. Es ist an der Zeit, mich endgültig von dieser Waage zu verabschieden, davon, dass sie mich wieder und wieder daran erinnert, dass es eine Rolle spielen könnte.
Es soll keine Rolle mehr spielen, ganz ohne schlechtes Gewissen.
Ich glaube und erlebe, dass es hilft, nicht alleine zu sein. Und darüber sprechen zu können, wie schwer das ist.

Danke, Internet!
Machs gut, Waage. Ich brauche dich nicht mehr.

Weitere Texte findet ihr hier:

Lebe wohl!
Weg mit der Waage, her mit dem Körpergefühl
Die räudige Straßenwaage – bitte nicht mitnehmen
Zehn Jahre ohne… und im Kopf immer da

Lektüre zu fat acceptance/ fat empowerment hier:
http://argedickeweiber.wordpress.com
http://reizende-rundungen.blogspot.de
http://deern.ankegroener.de/anke-groener/
http://maedchenmannschaft.net/rubrik/koerperkult/

PS:

Dieser Text hätte genau wie die von Maike, Kathrin, Ninia und Johanna um 11 Uhr veröffentlicht werden sollen. Dummerweise kommt er wegen mangelndem Internet und Pech erst jetzt.
Ich habe die im Laufe des Tages auf Twitter entstandene Debatte unter #waagnis verfolgt und zum Teil mitgeführt, den Text aber zur Veröffentlichung genau so stehen lassen, wie er heute morgen war, weil ich alles andere verfälschend gefunden hätte.
Ich möchte in den nächsten Tagen einen weiteren Text schreiben, in dem ich noch ein paar andere Punkte mit einbringe. Verzeiht, dass ich ohne funktionierendes Internet nur eingeschränkt mitdiskutieren und Kommentare freischalten/auf sie eingehen kann. Ich freue mich trotzdem darüber und versuche so schnell zu reagieren, wie es mir möglich ist.

Veröffentlicht in Alles

5 Gedanken zu “Vom Wiegen und Körperwaagen. Ein #waagnis

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